Marchtaler Kindergartenplan

Ein bewährtes und international anerkanntes Erziehungs- und Bildungskonzept für Kindergärten, Tagesheime und alle Schularten – das ist der Marchtaler Plan. In ihm stehen die menschliche und soziale Erziehung auf der Grundlage des christlichen Menschenbilds ebenso im Mittelpunkt wie das Erschließen von Sach- und Sinnzusammenhängen.

Druckfrisch liegt nun die grundlegende Überarbeitung des Marchtaler Kindergartenplans vor. Über mehrere Jahre hinweg haben sich die Leitungskräfte der vier Marchtaler-Plan-Kindergärten, ihre Kolleginnen vor Ort und die Verantwortlichen im Bischöflichen Stiftungsschulamt mit der Neufassung beschäftigt. 

Angesichts der sich wandelnden Lebens- und Familienwelten und zunehmenden neuen Anforderungen an den Bereich der Elementarpädagogik, war die Reflexion und Neuformulierung des "Marchtaler Plans Kindergarten" notwendig geworden. Die vorliegende neue Ausgabe reflektiert Selbstverständnis und Auftrag der Marchtaler-Plan-Kindergärten sowie Leitlinien für die Beziehungsgestaltung und die ganzheitliche Bildung der Kinder. 

Die Grundgedanken des Marchtaler Kindergartenplans

  • Das christliche Menschenbild ist Grundlage unseres Grundverständnisses und Auftrags. Es prägt damit ganz wesentlich unser pädagogisches Handeln.

  • Unser Bild vom Kind: jedes Kind ist ein Geschenk, ein Wunder. Sein Menschsein wird bestimmt durch seine unantastbare Würde und die ihm geschenkte Freiheit.

  • Der Erzieherin kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie ist in erster Linie mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Personsein im Erziehungs-und Bildungsprozess wirksam. Die Hinwendung zum Menschen, Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und ein aufgeschlossenes Bildungsverständnis sind Grundvoraussetzungen.
  • Zusammenarbeit mit den Eltern: Elternbeteiligung ist ein wichtiges Element in der pädagogischen Arbeit. Eltern werden als Experten ihrer Kinder anerkannt, brauchen aber auch in Fragen der Erziehung Unterstützung. Gelingende Erziehungspartnerschaft zeigt sich auch in der Mitarbeit von Eltern in der Einrichtung.

  • Bildungs- und Erziehungsverständnis: Kinder haben das Recht auf Bildung und Erziehung. Wir sehen Bildung als lebenslangen Prozess. Damit Bildung gelingen kann, braucht es Bindung. In sozialer Interaktion im Kindergarten kann das Kind vielfältige neue Erfahrungen machen. Diese führen letztlich zu sozialer Verantwortung. Dem Spiel als Lebens- und Ausdrucksform des Kindes kommt elementare Bedeutung zu. Lernen und Spielen sind unmittelbar miteinander verbunden.

Das "vierfache Geflecht von Beziehungen"

Beziehung zur Welt

Naturwissenschaften, Mathematik und Technik lassen die Kinder die Welt entdecken. Spontan begeistern sich die Kinder für die Natur und ihre Geheimnisse. Im Experimentieren erfahren und erfassen sie Prinzipien und Phänomene, die Erzieherin sieht sich dabei als Mit-Forschende.

Unsere ganze Kultur ist durchwirkt von Mathematik. Das Kind lernt über das Sortieren, Muster bilden und Ordnen mathematische Strukturen kennen. Später kommen Zahlen dazu - Mathematik ist also ein Weg vom Konkreten zum Abstrakten. Sie ist faszinierend und nützlich zugleich, dies sollen die Kinder im Alltag mit Freude erleben.

Beziehung zu mir und meiner eigenen Person

Zur Persönlichkeitsentwicklung des Kindes gehört das Entdecken der eigenen Person sowie der eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Selbstwahrnehmung und -erfahrung ist wichtig, sich selbst zu spüren und sich selbst als wirksam zu erleben. In einem Umfeld von Bindung, Beziehung und Vertrauen wird dies besonders gefördert.

Zur Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls gehört die Stärkung der psychsichen Widerständsfähigkeit (=Resilienz).

Beziehung zu den Mitmenschen

Der Aufbau und das Erlernen von Beziehungen und Beziehungsfähigkeit gehört zu den zentralen Aspekten in der Arbeit von Marchtaler-Plan-Kindergärten. Die Beziehungen des Kindes zu sich selbst, zu anderen und letztlich auch zu Gott zu entdecken, steht im Zentrum.

Elemente zur Förderung des Sozialverhaltens sind die Sensibilsierung der Wahrnehmung, z, B. für die eigenen Gefühle. Wer sich selbst gegenüber empathisch sein kann, wird Empathie auch für andere empfinden. 

Im Miteinander wachsen Vertrauen, Freundschaft und Zuneigung, Konflikte und Spannungen bleiben nicht aus, werden wahrgenommen und bearbeitet. In der Zusage Gottes, dass er uns in jeder Situation wie ein barmherziger Vater annimmt und uns vergibt, können auch wir selbst vergeben. Wir vermitteln den Kindern, dass sie bedingungslos angenommen werden - gleich wer sie sind, woher sie stammen, was sie tun.

Beziehung zu Gott

Die Kinder und Familien unserer Marchtaler-Plan-Kindergärten kommen mit sehr unterschiedlichen Einstellungen und Haltungen gegenüber Glauben und Religion. Viele Eltern sind gerade in Fragen des Glaubens selbst unsicher. Eltern spüren, dass die spirituelle Verwurzelung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes wichtig ist, sie aber nicht wissen, wie sie religiöse Werte vermitteln sollen. Hierbei kann die Kindergartenzeit eine Chance bieten, den Glauben neu zu entdecken.

Folgende Aspekte sind in der religiösen Erziehung und Bildung bedeutsam:

  • Entwicklung der eigenen Persönlichkeit
    Kinder eignen sich die Welt an, indem sie nach dem "Warum?", "Woher?" und "Wohin?" fragen. Sie erleben ihre Fragen als wichtig, suchen nicht nach "richtigen" Antworten sondern ehrlichen Zeugnissen der Erwachsenen.
  • Mit der Bibel Gott und die Welt erfahren
    In den biblischen Erzählungen spiegeln sich dieLebenserfahrungen von Menschen, die sich auf den Weg machen und dabei von Gott begleitet werden. Diese Geschichten vermitteln wir den Kindern und sie erfahren die Bibel als "Buch des Lebens", das trösten, helfen und Mut machen kann. Die biblischen Egli-Figuren werden zur Veranschaulichung und lebendigen Gestaltung gerne mit eingesetzt.
  • Sinnliche religiöse Erfahrungen
    Das Anzünden der Jesuskerze, ein goldener Kelch, ein leuchtender Stern - dies sind sinnliche Erfahrungen, die die Kinder besonders ansprechen. Andere Religionen haben eigene Symbole, denen wir mit Respekt und Interesse begegnen. Die Hinführung zur Stille, um eine Atmosphäre der Entspannung und höchster Aufmerksamkeit zugleich zu erleben, ist für uns ebenso zentral.
  • Verlässliche Beziehungen
    Unser Gottesbild von einem liebenden und verzeihenden Gott zeigt sich in verlässlichen Beziehungen. Kinder erleben, dass Beziehungen tragfähig bleiben, auch wenn sie die Person nicht sehen können. So spüren sie auch: Gott ist immer bei mir.

  • Gemeinschaft in Verschiedenheit
    Gelebte Gemeinschaft erfahren die Kinder in der Familie, Tischgemeinschaft und Kindergartengruppe. Die Gemeinschaft der Gruppe gibt Halt, Geborgenheit und Heimat, letztlich religiöse Erfahrungen.
  • Gemeinschaft beim Feiern
    Das Feiern der christlichen Feste ist ein fester Bestandteil im Jahreskreis. Feste und Feiern sind immer Höhepunkte im Alltag und fest verbunden mit Bräuchen, Gebeten, Symbolen und Ritualen.
  • Gemeinschaft mit anderen Religionen
    Religiöse und kulturelle Unterschiede sind Zeichen der Freiheit des Menschen und finden in unseren Kindergärten eine angemessene Berücksichtigung. Durch das Stärken von Gemeinsamkeiten und das Wahrnehmen und Ernstnehmen von Unterschieden können Kinder eine Grundhaltung der Wertschätzung und Achtung gegenüber Andersgläubigen entwickeln.

  • Kultur des Verzeihens und Neu-Beginnens
    Zu einem vom christlichen Glauben geprägten Miteinander gehört eine Kultur des Streitens, Verzeihens und Versöhnens. Verzeihen-Können gibt Zeugnis einer inneren Stärke. Hierzu gehört das Erlernen von Formen der Entschuldigung.
  • Kinder erleben die Schöpfung
    Die Gottesbeziehung für Kinder lebendig zu gestalten heißt auch, sie spürbar und erlebbar zu machen. Unsere Aufgabe ist, die Kinder für die großen und kleinen Wunder der Natur sensibel zu machen. Wenn sie die Schönheit der Schöpfung erkennen, dann möchten sie diese auch bewahren und altersentsprechend dafür Verantwortung übernehmen.
  • Rituale
    Kinder erleben (religiöse) Rituale als "Ankerpunkte", die ihnen Hilfe für den Alltag bieten.
    Es gibt in unseren Kindergärten das Alltagsritual (z. B. Beten vor dem Essen), das Ritual im Jahreskreis (z. B. Weihnachtsfeier) und das Übergangsritual (z. B. Einschulungsfeier). Rituale mit vertrauten Elementen bieten Sicherheit, geben Strukur und vermitteln ein Gefühl der Geborgenheit. Familien werden ermutigt, eigene Rituale zu entwickeln oder aus dem Kindergarten zu übernehmen.

Strukturelemente der Marchtaler-Plan-Pädagogik

Verbindendes Kennzeichen aller Marchtaler Plan Schulen und -Kindergärten sind die drei Strukturelemente, die im Zusammenspiel eine umfassende Entwicklung des Kindes fördern.

Morgenkreis

Der Morgenkreis mit festen Ritualen, Gebeten, Liedern, Themen, die sich an den Jahreszeiten, Festen des Kirchenjahres, aktuellen Geschehnissen oder Projekten orientieren, ist fester Bestandteil in unseren Einrichtungen. Form und Inhalt verdienen besondere Aufmerksamkeit. Im Zentrum stehen die Menschen, die dabei einander begegnen. 

Freispiel

Spiel ist nicht Spielerei.
Es hat hohen Stellenwert und tiefe Bedeutung.

Friedrich W. A. Fröbel (1782-1852)

Das Freispiel besitzt auch in unserer Gegenwart größten Wert und ist durch nichts zu ersetzen. Das Kind entwickelt im Freispiel gundlegende Fähigkeiten. Damit dies gelingen kann, schafft die Erzieherin die Voraussetzungen. Ein anregender Raum mit vielfältigen Spielmaterialien gehört ebenso dazu, wie der Faktor Zeit. Kinder sollten sich im Spiel "verlieren" dürfen.

Ganzheitliche Bildung

Für eine gesunde Entwicklung des Kindes braucht es vielfältige Sinneseindrücke, die ganzheitliches Lernen ermöglichen. In einer ganzheitlichen Erziehung und Bildung wird die gesamte Persönlichkeit des Kindes angesprochen und in den Lernprozess eingebracht. Individuelle Veranlagungen und Interessen werden berücksichtigt.

In unserem Grundverständnis nehmen wir den Mensch als Ganzes in den Blick, daher gehören auch existenziellen Fragen nach dem Woher, Warum und Wohin zur Erschließung der Welt.

Schlüsselprozesse guter Bildung

  • Partizipation und Beteiligung
    Partizipation ist ein wesentliches UN-Kinderrecht, Entwicklung ohne aktive Selbstbeteiligung der Kinder ist nicht vorstellbar. Die Kinder lernen in unseren Einrichtungen partizipative Strukturen kennen und üben diese aktiv ein. So werden sie schon sehr früh an demokratische Strukturen herangeführt. Sie erleben sich als selbstwirksam und sind auch gefordert Kompromisse einzugehen.
  • Gestaltung und Bewältigung von Übergängen
    Übergänge wie der Eintritt in den Kindergarten oder der Wechsel in die Schule sind markante Veränderungen, genauso wie Übergänge durch Trennung oder Umzug.
    Der bewussten Gestaltung von Übergängen kommt heute eine wichtige Bedeutung zu, um die damit verbundenen Chancen zu nutzen.
    Das bewährte Eingewöhnungsmodell gehört in unseren Einrichtungen dazu. Mit allen Beteiligten wie Eltern, Lehrern werden verbindliche Absprachen getroffen und die Umsetzung reflektiert.
  • Inklusion
    Der Marchtaler Plan ist geprägt vom Grundgedanken, alle Kinder mit ihren Potenzialen und Stärken wahrzunehmen und ihnen in ihrer Verschiedenheit gerecht zu werden. Ziel ist eine gleichberechtigte, selbstbestimmte und aktive Teilhabe. Wir betrachten Vielfalt als Gewinn und sind deshalb grundsätzlich offen für alle. Sonderpädagogische Förderung, sofern nötig, ist sicherzustellen. Eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern ist unerlässlich.
  • Fortbildung und Personalentwicklung
    Fundierte fachliche Weiterbildung sehen wir als Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten und Zufriedenheit mit der Tätigkeit als Erzieherin. Im Fokus stehen sowohl fachliche Themen als auch spirituelle Impulse, z. B. im Rahmen von Oasentagen.
    Der Marchtaler Plan wird immer wieder auf Anschlussfähigkeit der Entwicklungen im Bereich der Elementarpädagogik überprüft. Mitarbeitergespräche sind auch ein Bestandteil der Personalentwicklung. 

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